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Was entscheidet die Wahl?Freitag, 17. Oktober 2008![]() Nach einer Woche, in der in Amerika der Rassismus hochschaukelte, fragen sich Journalisten wie Adam Nagourney, ob die Entscheidung in der Wahlkabine an schwarz oder weiß festgemacht wird. Am Samstag berichtete die New York Times über eine Wahlkampfveranstaltung McCains in Lakeville, Minnesota, bei der die aggressive Stimmung überkochte. Eine Frau meldete sich nach John McCains Rede in der Lakeville South High School, weit vom Stadtrand von Minneapolis, zu Wort. Sie sagte, dass sie Barack Obama nicht traue, weil er ein Araber sei. Nachdem John McCain eine Woche lang versuchte, seinen Gegener als Freund von Terroristen zu stilisieren, der das Land in den Bankrott führe, veränderte John McCain abrupt seinen Ton und sprach nur noch von einem anständigen Mann, einem Familienmenschen, mit dem er nur einige Meinungsverschiedenheiten habe. Offenbar hatte er selbst Angst bekommen vor seiner Welle von Attacken, die in nackten Hass umzuschlagen drohte. John McCain wurde in dieser Woche von einigen Journalisten harsch kritisiert, weil er - besonders, wenn er im Team mit Sarah Palin auftrat - die wütenden Massen gegen Barack Obama aufhetzte. In Wisconsin und Pennsylvania schrie die Menge “off with his head”. Bei einem Besuch Sarah Palins in Florida rief ein Mann aus der Menge “Kill him!”. Bei der gleichen Veranstaltung wurden einem afroamerikanischen Kameramann rassistische Beleidigungen entgegengebracht. Aber noch öfter werden Vorurteile geflüstert oder verstecken sich in Diskussionen über Kultur und Religion und sind somit schwer zu greifen. Weder Meinungsumfragen noch die täglichen Gespräche geben sie wider. Wie Adam Nagourney in der New York Times feststellte, nehmen politische Strategen an, dass die Meingsumfragen die Unterstützug für einen schwarzen Kandidaten überbewerten, da sich die Befragten mit ihren Ressentiments zurückhalten, wenn sie persönlich befragt werden. In der anonymen Wahlkabine sieht das anders aus. Saul Anuzis, Chairman der Republikaner in Michigan, sagte er hätte sich daran gewöhnt, dass von der Seite geflüstert würde: Obama wähle man nicht, weil er schwarz sei. Dagegen glaubt der Abgeordnete Artur Davis, ein afroamerikanischer Demokrat aus Alabama, ethische Zugehörigkeit sei nicht länger eine Schranke zum Weißen Haus, wie sie einmal war: “There is a group of voters who will not vote for people who are opposite their race,” Mr. Davis said. “But I think that number is lower today than it has been at any point in our history. I don’t believe this campaign will be decided by race; there are too many other important issues. Jesse Jackson would not have been elected in 1988. But we’ve changed.” McCain: Kämpfer für den Wandel?Freitag, 5. September 2008
Es war keine schlechte Rede. John McCain setzte seine Botschaften klar und deutlich. Er will ein Kämpfer für den Wandel sein, er ist ein authentischer Patriot und pragmatischer Querdenker. Das kommt in Zeiten, in denen Präsident Bush so unbeliebt ist, dass er nicht einmal namentlich von John McCain erwähnt wurde, gut an. Nur einmal ging er auf Bush ein, ganz am Anfang der Rede, als er ihm dafür dankte, das Land nach dem 11. September sicher durch schwierige Zeiten geführt zu haben. So sieht also ein Wechsel an der Spitze einer Partei in den USA aus, die harte Zeiten hinter sich hat.
Insgesamt fehlte der Rede aber die nötige Leidenschaft. Natürlich musste McCain nach den Attacken seines „Pitbulls“ Sarah Palin am Vortag bewusst zurückhaltender und staatsmännischer auftreten. Aber irgendwie kam man nicht von dem Eindruck los, dass der Senator hier einfach nur eine seiner normalen Wahlkampfreden hielt. Erst am Ende des Vortrags hatte er die Halle auf den Füßen, als er durchaus überzeugend in die Menge rief: „Fight with me. Fight for what is right. […] Stand up. We are Americans. We never give up.“ McCain wollte sich als Kämpfer inszenieren (das Wort „fight“ benutzte er 43-mal), aber sein Auftreten unterstützte diese Aussage nur bedingt. Es war alles etwas zu hölzern, etwas zu statisch. Zudem passte seine Botschaft des pragmatischen Eigenbrötlers, der unideologische Lösungen für das Land sucht, der die Grabenkämpfe der Parteien hinter sich lassen will, so gar nicht zum Publikum in der Halle, die gefüllt war mit einer überzeugt konservativen Gemeinde, die sich nichts Schöneres vorstellen kann, als mit der linksliberalen Gegenseite in den Ring zu steigen. Auch die Botschaft, Washington zu reformieren, blieb hohl. Und dies nicht nur, weil McCain seit über 26 Jahren in derselbigen Stadt seinen Dienst verrichtet. Außer bei den Themen „Klima“ und „Energie“ konnte McCain keine richtige Distanz zur Politik George W. Bushs herausstellen. Er bewegte sich voll im republikanisch-konservativen Mainstream, das zeigte nicht zuletzt das höchst ideologische Programm, das die Delegierten am Vortag verabschiedet hatten. McCain hatte seine stärksten Momente, als er über seine fünfjährige Zeit im Gefangenenlager in Nord-Vietnam sprach, als er seinen Kampagnenslogan des „America First“ betonte. Patriotismus, die Liebe zum Land, selbstloser Dienst für die Nation, das waren in der Tat die Klammern, die diese Rede zusammenhielten. Diese Botschaften kann McCain authentisch vermitteln. Sie machen seine Person für viele Amerikaner attraktiv. Ob das allerdings reicht, die Wahl zu gewinnen, bleibt abzuwarten. Hier McCains Rede: Sarah Palin: Pitbull mit LippenstiftDonnerstag, 4. September 2008
Die Entscheidung für Sarah Palin war irrational und spontan, typisch McCain-esk. Traditionelle Kandidaten wie Gov. Tim Pawlenty oder Mitt Romney nahm McCains Kampagne lange in den Blick, sie führten die üblichen intensiven Background-Checks durch, sie machten Hoffnung. Und dann entscheidet sich der politische Haudegen innerhalb weniger Tage für Sarah Palin, die „hockey mom“ aus Wasilla, fünffache Mutter, bald Oma und stramm konservative Gouverneurin von Alaska.
Die Presse hatte ihren Spaß an der nahezu unbekannten Palin. Endlich gab es mal wieder etwas zu recherchieren, aufzudecken, kritisch zu beäugen. Und zwar zu Recht. Wir mussten und müssen mehr über diese Frau aus dem hohen Norden wissen, über ihre politische Einstellung, über ihr politisches Handeln, über ihren Charakter. Immerhin könnte sie im nächsten Jahr die Nummer Zwei im Staate werden, mit Optionen auf das Oval Office. Natürlich wünschen wir John McCain alles Gute, aber bei einem 72-jährigen Präsidenten dürfte ein solcher Gedankengang erlaubt sein. Mit Spannung wurde deshalb die Rede der Politnovizin erwartet. Schnell merkte man, dass der Parteitag sie auf Gedeih und Verderben lieben wollte. Palin enttäuschte die Delegierten nicht. Frisch, dynamisch, selbstbewusst stand sie auf dem Podium in St. Paul und teilte kräftig aus, ganz nach ihrem Motto: „Do you know what they say the difference is between a hockey mom and a Pit Bull? Lipstick!“ Mit kräftigen, humorvollen Einzeilern, die ihr das McCain-Team aufgeschrieben hatte, stilisierte sie sich als bodenständige Durchschnittsamerikanerin, die ihr Land liebt und Linksliberale verabscheut. Geschickt nahm sie die Kritik an ihrer Eignung als Vizepräsidentin auf und wendete sie gegen Barack Obama. Sätze wie dieser brachten die Halle zum Kochen: „Before I became governor of the great state of Alaska, I was mayor of my hometown. And since our opponents in this presidential election seem to look down on that experience, let me explain to them what the job involves. I guess a small-town mayor is sort of like a 'community organizer,' except that you have actual responsibilities." Palin kritisierte auch die Presse, indem sie ihr offen vorwarf, Teil des Washingtoner Establishments zu sein und keinen Respekt vor dem kleinstädtischen Amerika zu haben: „I'm not a member of the permanent political establishment. And I've learned quickly, these past few days, that if you're not a member in good standing of the Washington elite, then some in the media consider a candidate unqualified for that reason alone. But here's a little news flash for all those reporters and commentators: I'm not going to Washington to seek their good opinion - I'm going to Washington to serve the people of this country.” Stolz auf Land, Kleinstadt, Familie, Glauben und Militär, so präsentierte sich Palin. Damit traf sie das Gefühl der Delegierten, die nach langen Monaten der Niederlagen und Demütigungen sehnsüchtig nach einem neuen Star am konservativen Sternenhimmel gierten. Den kraftvollsten Satz hatte sie sich aber für das Ende ihrer Rede aufgespart. Dieser Satz deutet die Marschrichtung an, die McCain in den nächsten acht Wochen einschlagen wird: „Here's how I look at the choice Americans face in this election. In politics, there are some candidates who use change to promote their careers. And then there are those, like John McCain, who use their careers to promote change." Das Motto: Obama als elitärer, abgehobener Politiker, der seine Kampagne primär aus narzisstischen Gründen führt. McCain als treuer, selbstloser Held, der unbeirrt für den richtigen Weg des Landes kämpft. Die Delegierten liebten Palin. Aber erst die nächsten Wochen werden zeigen, ob sie die Stärke, Erfahrung und Kraft besitzt, auf der nationalen Bühne zu bestehen. Hier der erste Teil der Rede Palins:
Die globale ShowFreitag, 29. August 2008![]() Am Sonntag endeten die olympischen Spiele in Peking mit einem riesigen Spektakel. Und mit dem, wofür die Chinesen berühmt sind, nämlich einem Feuerwerk. Schon am Montag setzte sich die Show für die Betrachter der Weltbühne fort - mit dem Parteitag der Demokraten in Denver. Hier haben die Amerikaner gezeigt, was sie besonders gut können: Große Gefühle zeigen. Neben der perfekten technischen und medialen Inszenierung hatten alle prominenten Redner, Hillary und Bill Clinton, Michelle und Barack Obama, sowie der neue Vize Joe Biden eines gemeinsam: Sie räumten den Emotionen einen großen Stellenwert ein. Ein jeder begann seine Rede mit einer Aufzählung der privaten Rollen, die er oder sie abdecken. Sie ließen es sich nicht nehmen zu betonen, dass sie auch als Tochter, Bruder und vor allem als liebende Eltern sprechen. Selbst Obamas Tochter warf ihrem Dad auf der Bühne ein „I love you“ zu. Das Thema Kindheit und Elternschaft wurde mit zahlreichen Anekdoten von jedem Redner als Bild bemüht, um ihre ur-amerikanischen und demokratischen Werte wie Fleiß, Ehrgeiz und „Zuversicht in den amerikanischen Traum“ zu transportieren.
Den Höhepunkt der großen Show bot gestern Abend Barack Obamas Rede im Footballstadion von Denver vor fast 80.000 Gästen, etwa so vielen wie das Pekinger Olympia-Stadion fasst. Seine Rede, das war schon im Vorfeld klar, hatte historische Bedeutung, denn sie ereignete sich auf den Tag genau 45 Jahre nach Martin Luther Kings Rede „I have a dream“, die der Bürgerrechtsbewegung in den USA zum Durchbruch verhalf. Barack Obama enttäuschte sein Publikum nicht. Mit einer seiner brilliantesten Reden nahm er die Zuschauer für sich ein. Alle Sorgen, das Footballstadion und seine Bühnenshow - auch hier Konfetti und Feuerwerk inklusive - könnte das Image des Popstars schüren, welches John McCain seit Wochen ins Lächerliche zu ziehen versucht, sind dahin. Die einzige Waffe, die John McCain jetzt noch ziehen kann, ist sein eigener Parteitag. Und der folgt schon morgen. The Show must go on. Obamas MeisterstückFreitag, 29. August 2008
Was für eine Rede! Was für ein Parteitag! Wie nervös sind die Demokraten noch vor einer Woche gewesen. Sie hatten Angst vor sich selbst, Angst davor, es wieder zu vermasseln. In der Tat schien Barack Obama die Schraube der Inszenierung zu weit gedreht zu haben. Auch die Partei machte den Eindruck, noch immer gespalten zu sein. Zu allem Überfluss ist John McCain erfolgreich mit seiner Taktik gewesen, den jungen Senator als elitär, abgehoben und „out of touch“ mit normalen Amerikanern darzustellen; ihn als politisches Leichtgewicht zu portraitieren, das nur an den eigenen Erfolg denkt.
Der Druck auf Obama war also groß. Jeder wusste, dass Rhetorik seine Stärke ist, dass die Kraft seiner Worte ein Hauptgrund für seinen Aufstieg gewesen war. Deshalb war er dazu verdammt, eine gute Rede zu halten. Jeder noch so unwichtige Kommentator hatte Obama im Vorfeld einen medialen Waschzettel mit Dingen einstecken wollen, die er unbedingt berücksichtigen musste. Viele erkannten hier eine Schwäche, dort eine Panne, hier ein falsches Wort, dort einen strategischen Fehler, den es zu beheben galt. Die Blase des Obama-Märchens drohte zu platzen. Insgeheim freuten sich viele Beobachter, auch viele Status-Quo-Denker in Deutschland, schon hinter vorgehaltener Hand über den Abstieg des blumigen Kandidaten, der keine Substanz habe und nur die Show kenne. Und dann solch eine Rede! War der Auftritt vor vier Jahren auf dem Parteitag in Boston Obamas Gesellenstück, das ihm den Zutritt zur großen nationalen Bühne ermöglichte, so muss diese Rede gestern Abend als sein Meisterstück gelten. Ich sage es nicht gerne, weil es unobjektiv klingt. Aber in der Tat hat Obama mit diesem Auftritt ALLES richtig gemacht. Ich möchte dies an drei Punkten erläutern. 1. Zukunft vs. Vergangenheit Obama machte deutlich, worum es im Wahlkampf gegen John McCain geht. Aussagen wie „We are a better country than this“ oder „America, we cannot turn back“ verdeutlichten seine Marschrichtung. Der Kontrast zwischen den beiden Kandidaten wurde in dieser Rede überdeutlich. Auf der einen Seite stand John McCain, ein Symbol für Vergangenheit, für Status-Quo, für eine dritte Amtszeit der George W. Bush-Republikaner. Immer wieder verband Obama den Namen seines Konkurrenten mit dem des unbeliebten Präsidenten. Er machte deutlich, dass John McCain zu mehr als 90 Prozent den Vorschlägen George W. Bushs gefolgt ist. Obamas rhetorisch geniale Schlussfolgerung: „I am not ready to take a ten percent chance on change“. Sein Satz „Eight [years] is enough“ wird sicher zum Schlachtruf der Demokraten im Hauptwahlkampf werden. Auf der anderen Seite stand Obama als Repräsentant der Zukunft, des Aufbruchs in ein besseres Amerika. Unglaublich eindringlich verband er die Hoffnung auf eine gute Zukunft mit seiner eigenen Lebensgeschichte und der Erzählung seines Landes, mit dem Glauben an Fortschritt, Reform und Neuerung. 2. Selbstbewusster Kämpfer Obama war angetreten, einen anderen, idealistischeren Wahlkampf zu machen, der auf Negativität und das leidige Hin und Her von Anschuldigung und Gegen-Anschuldigung verzichten sollte. Das hielt ihn lange davon ab, offen auf die Attacken John McCains zu antworten. Er setzte sich damit den Anwürfen der Republikaner schutzlos aus. Am gestrigen Abend zeigte er aber seine Kämpfer-Qualitäten. Der Gutmensch machte deutlich, dass er in das Haifischbecken des Wahlkampfes steigen kann, dass er seine Positionen selbstbewusst vertritt und sich nicht scheut, sie klar mit denen des Gegenkandidaten zu kontrastieren. Sein vermeintliches Celebrity-Image wischte er mit einem emotionalen Verweis auf die bodenständige Geschichte seiner Familie weg. Selbstbewusst zählte er die außenpolitischen Fehleinschätzungen John McCains und George W. Bushs auf, um dann den eindringlichen Satz nachzuschieben: „If John McCain wants to have a debate about who has the temperament, and judgment, to serve as the next Commander-in-Chief, that's a debate I'm ready to have.“ Obama machte deutlich, dass es als Präsident vor allem auf das richtige Urteilsvermögen ankommt, nicht auf die Anzahl der Jahre, die man in Washington verbracht hat. Im Bereich der Wirtschaftspolitik wendete er eine Taktik auf John McCain an, die sonst gerne die Republikaner benutzen, um die demokratische Gegenseite zu attackieren. „Out of touch“ mit dem amerikanischen Volk sei nicht etwa Obama, sondern John McCain, der keinen Zugang zu den Sorgen und Nöten der kleinen Leute habe, so der junge Senator. Selbstsicher wischte Obama auch Zweifel am Patriotismus der Demokraten weg. Er rief mit viel Chuzpe in die Menge, mit festem Blick direkt in die Kamera: „We all put our country first.“ 3. Details und Rhetorik Obama wurde vorgeworfen, dass er zu blumig aufgetreten sei, dass es seinen Reden an der nötigen Erdung durch konkrete politische Inhalte fehle. Das war an diesem Abend anders. Bewusst nahm er sich zehn bis 15 Minuten, um konkrete politische Vorschläge zu machen. Diese weckten zum Teil sogar allzu konkrete Hoffnungen – wie etwa die Zahl von fünf Mio. Jobs, die durch die Förderung der Ököindustrie entstehen würden, oder das Verprechen, Amerika werde in zehn Jahren unabhängig von Öl aus dem Mittleren Osten sein. Insgesamt aber war es wichtig zu zeigen, dass sich ein greifbares Programm hinter Obamas Rhetorik verbirgt. Aber, wie auch schon im Vorwahlkampf, standen die Themen und die Sachpolitik nicht im Vordergrund, sie waren vielmehr Teil einer größeren Erzählung. Das ist schlau, denn Wähler sind keine „policy wonks“, wie man in den USA so schön sagt. Obama hat ein unglaublich detailliertes Programm, aber er weiß, dass es nicht auf die rationale Rezitation seiner Positionen ankommt, sondern darauf, Sachpolitik greifbar zu machen, indem man sie in eine emotionale Erzählung, in einen rhetorischen Mantel kleidet, der Menschen emotional anspricht. Das mag für deutsche Ohren platt klingen. Nur so findet man aber erst Zugang zum Bewusstsein des Wählers, der weitaus gefühliger denkt und handelt als gemeinhin angenommen wird. Insgesamt hätten diese vier Tage in Denver nicht besser laufen können. An wenigen Terminen im Wahljahr hat man die ungeteilte Aufmerksamkeit einer großen Masse von Wählern. Parteitage sind solche Momente. Sie müssen eine klare Botschaft haben, die die Richtung im Hauptwahlkampf vorgibt. Die Botschaft der Demokraten heißt: Wir sind vereint! Wir sind selbstbewusst! Wir sind der Wandel! Hier die glanzvolle Rede Obamas. Ein Muss für jeden Redenschreiber und Politiker: Hillary At Her BestMittwoch, 27. August 2008
Es war ein emotionaler Tag für Hillary Clinton und ihre Anhänger. Gerne hätte die Kandidatin am Donnerstag gesprochen, um die Nominierung ihrer Partei anzunehmen. So blieb ihr nach der verlorenen Vorwahl nur der 20-minütige Prime-Time-Spot am Dienstag vorbehalten. Allerdings hätte dieser 26. August nicht symbolbeladener sein können, ist er doch der offizielle der Tag der Gleichberechtigung und der 88. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts in den USA.
Auch wenn Michelle Obama noch in ihrer Rede am Montag deutlich gemacht hatte, dass die viel beschworene gläserne Decke für Frauen in den USA durch Clinton und ihre Kampagne 18 Millionen Sprünge bekommen habe, so blieb doch ein fader Beigeschmack bei vielen Hillary-Unterstützern übrig. Sie dachten sicherlich: „Sprünge sind ja schön, aber Barack Obama verhinderte, dass die Decke komplett gesprengt worden ist.“ Nun zu Clintons Rede. Sie machte alles richtig. Die Ex-First Lady gab eine eindrucksvolle Unterstützungserklärung für Obama ab („Obama is my candidate“). Sie machte deutlich, dass es ab jetzt um mehr geht als um ihre Person, ergo: um die richtigen Problemlösungen für das Land ("Whether you voted for me, or voted for Barack, the time is now to unite as a single party with a single purpose. And you haven’t worked so hard over the last 18 months, or endured the last eight years, to suffer through more failed leadership”). Gleichzeitig griff Clinton das Duo John McCain und George W. Bush frontal an („it is hard to tell them apart“). So weit, so gut. Was den geschulten Beobachter aber ins Mark traf, war die Qualität von Clintons Rede. Jetzt erst, nach der bitteren Niederlage gegen Obama, scheint sie ihre Stimme gefunden zu haben. Wie weggeblasen schienen die künstlich wirkenden Auftritte der Sachpolitikerin, die auf ihre Stärke und Erfahrung setzte und dabei die emotionale Ansprache der Wähler vergaß. Hillary war witzig, rhetorisch auf der Höhe, Gestik und Mimik passten, sie war einfühlsam und bissig zugleich. In der Tat schien sie wie verwandelt. Eine Frage hat viele Zuhörer an diesem Abend sicher beschlichen: What if? Was hätte möglich sein können, wenn sie von Anfang an so aufgetreten wäre? Hier die komplette Rede in drei Teilen: Teil 1: Teil 2: Teil 3:
Blogeintrag von Kerstin Plehwe
um
14:23
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Die soziale Dimension der PolitikDienstag, 8. April 2008
Nach einer Studie des PEW- Meinungsforschungsinstitut nimmt der Gebrauch sozialer Netzwerke und Videos im US-Wahlkampf stark zu.
Die Untersuchung zeigt, dass sich unter den jungen Amerikanern ein neues Medienverhalten verzeichnen lässt. Nachrichten werden nicht mehr in erster Linie aus Tageszeitungen oder Nachrichtensendungen im Fernsehen entnommen, sondern aus E-Mails von Freunden. Damit werden die Jugendlichen nicht nur zu Konsumenten von Nachrichten, sondern auch zu Sendern. In der New York Times wird die 25 jährige Lauren Wolfe zitiert, die als „President of College Democrats of America“ aktiv ist: „Oft lese ich eine interessante Meldung im Internet und sende die URL an zehn Freunde.“ Sie fügt hinzu, dass sie lieber einen Artikel liest, der sie in einer E-Mail eines Freundes erreicht, als den Artikel selbst in der Zeitung zu suchen. Somit wächst die Bedeutung sozialer Netzwerke wie Facebook und sozialer Medien wie YouTube von reinen Unterhaltungsformaten zu Nachrichtenmedien. Dieses Phänomen lässt sich auch in den Kampagnen der Kandidaten beobachten. Allen voran nutzt Barack Obama die Möglichkeiten des wachsenden Interesses an Web 2.0. Als Barack Obama im Januar auf die letzte „State of the Union“-Rede von George W. Bush mit einem fünfminütigen Video-Kommentar reagierte, erreichte diese Rede wenig Aufmerksamkeit von Zeitungen und Fernsehen. Aber das Video war vielmehr für das Internet geschaffen und schnell auf YouTube veröffentlicht, wo es auf der Liste der populärsten Videos erschien und auf Googles Liste der meist gebloggten Themen. Es wurde über 1,3 Millionen Mal angeschaut und von mehr als 500 Blogs verlinkt. Außerdem zirkulierte es weitreichend in sozialen Netzwerken wie Facebook. Zwei Drittel der unter 30-jährigen amerikanischen Web-Nutzer geben an, soziale Netzwerke zu nutzen, während weniger als 20% der Älteren sich dort registrieren. MySpace und Facebook dienen auch als Bindeglied zu den Kandidaten. Die Nase vorn hat in diesem Rennen um die Wählergunst eindeutig Barack Obama mit zirka 1 Million „Freunden“ auf den beiden Webseiten. Hillary Clinton, seine Rivalin innerhalb des demokratischen Lagers, folgt mit kaum 330.000 Freunden und der Republikaner John McCain verzeichnet dort über 140.000 Anhänger. Nach Angaben des PEW Instituts haben vier von zehn jungen Wählern Kandidaten-Reden, Interviews und Spots im Internet angesehen. Sie bezeichnen die Online-Diskussionen und Videos als relevante Quelle für Wahlkampfinformationen. So war in den Tagen nach Barack Obamas Speech on Race der Link zu dem Video und dem Text das meistversandte Thema auf Facebook.
Blogeintrag von Ute Pannen
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10:04
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Obama und sein Mr. WrightMittwoch, 19. März 2008
Symbole sind in der Politik oft wichtiger als Worte. Das weiß auch Barack Obama. Und so trat er nicht irgendwo in den USA auf, um eine Rede über das schwarze und das weiße Amerika zu halten. Nein, er machte seine Ausführungen im National Constitution Center in Philadelphia, an der Wiege der Nation und seiner Verfassung, eingerahmt von der Mutter aller amerikanischen Nationalsymbole, den Stars and Stripes.
Obama war angetreten, um das Land zusammenzuführen. Er wollte kein Kandidat einer bestimmten Hautfarbe sein, weder schwarz noch weiß, weder Latino noch Asiate. Sein Thema war die Meta-Botschaft der Hoffnung, der Versöhnung, des Neuanfangs. Er vermied es als schwarzer Kandidat wahrgenommen zu werden, anders als Jesse Jackson oder Al Sharpton. Und doch ist Obama in den vergangenen Tagen in die Gräben gezogen worden, die Amerika bis heute manchmal offen, manchmal latent durchziehen. Den Anstoß gab ein Videoschnipsel mit Predigten von Obamas Pastor Jeremiah Wright, die auf YouTube und den nationalen Fernsehsendern rauf und runter gespielt wurden. In diesen Ausschnitten greift Wright sowohl die Regierung und als auch die weiße Gesellschaft in den USA direkt an: „God damn America for killing innocent people. God damn America for treating us as citizens that are less than human.” Barack Obama, der sich von Pastor Wright trauen und seine Kinder von ihm taufen ließ, der Wright in seinen Beirat zu religiösen Fragen aufgenommen hatte, musste auf diese Kontroverse reagieren. Und er tat es. Seine Rede „A More Perfect Union“ spielte perfekt auf der Klaviatur seiner Kampagnenbotschaft der Hoffnung und des Wandels, ohne jedoch das kritische Thema des schwarz-weißen Splits der Gesellschaft schön zu reden. Er distanzierte sich von den Aussagen des Pastors, ohne sich von der Person Jeremiah Wright zu lösen. Als Sohn eines Austauschstudenten aus Kenia und einer weißen Amerikanerin aus Kansas nahm er die Zuhörer ohne Anklage und Bitterkeit mit in die Lebenswelten der schwarzen und weißen Amerikaner, nur um sie dann aufzulösen in der nationalen Erzählung des „E Pluribus Unum“. Hier ein Zitat aus seiner Rede: „The comments that have been made and the issues that have surfaced over the last few weeks reflect the complexities of race in this country that we´ve never really worked through – a part of our union that we have not yet made perfect. And if we walk away now, if we simply retreat into our respective corners, we will never be able to come together and solve challenges like health care, or education or the need to find good jobs for every American.” Für deutsche Ohren ist eine solche Rede gewöhnungsbedürftig. Sie erscheint zu blumig, zu schillernd, zu naiv. In der Tat sind schöne Worte noch keine Lösungen. Falls Obama aber zum Präsidenten der USA gewählt werden sollte, so wird diese Rede als eine der bedeutendsten in die Geschichte des Landes eingehen. Bis zur Wahl ist es jedoch noch ein weiter Weg. Letzte nationale Umfragen verheißen nichts Gutes für Obama. Hillary Clinton ist wieder an ihm vorbeigezogen. Auch die Republikaner haben die Kontroverse um Pastor Wright sehr aufmerksam verfolgt. Sie werden keine Gelegenheit auslassen, um den Wählern die Beziehung Obama-Wright vorzuführen und um ihr altes Kontrastmittel anzuwenden, das sie spätestens seit 1988 (Bush sr. gegen Michael Dukakis) im Wahlkampf benutzen: “Democrats are out of mainstream and out of touch with ordinary American folks.” Hier kann man die Rede in voller Länge sehen:
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