
Deutschland trifft den Superstar, so titelte der SPIEGEL sehr treffend zu Wochenbeginn. In der Tat hatte Obamas Auftritt gestern im Tiergarten etwas von Fanmeile und Popkonzert in einem. Tausende Menschen strömten mit diffusen Erwartungen auf die Straße des 17. Juni, um ihre neue, globale Projektionsfläche Barack Obama zu sehen und zu hören. „History was in the making“… und man wollte dabei sein.
200.000 Zuhörer kamen. Respekt, Barack. Für einen noch nicht nominierten Präsidentschaftskandidaten eines auswärtigen Landes sehr ordentlich. In diese Dimensionen ist bisher wohl nur Nelson Mandela vorgestoßen. John McCain, Angela Merkel und Nicolas Sarkozy hätten diese Zahl von Menschen nicht einmal gemeinsam auf die Beine bekommen. Was zunächst auffiel bei dieser Show des großen Inszenierers war die bunte Mischung des Publikums. Von Altlinken über Studenten und Schüler, Touristen und Auslandsamerikaner bis hin zu Mitarbeitern der Agenturen und Ministerien schien alles vertreten zu sein. Jeder wollte Inspiration, einen rhetorischen Happen oder einen zitationsfähigen Einzeiler mit nach Hause nehmen.
Obama enttäuschte nicht, auch wenn seine Redenschreiber schon Besseres produziert hatten. Es ging um die großen Linien der Außenpolitik, um Metaphern und Symbolik. Obama wollte diesen Auftritt nicht als Wahlkampfveranstaltung verstanden wissen. Dennoch benutzte er die gleiche Rhetorik, mit der er in den USA reüssiert hatte. Es ging um Einheit, um Hoffnung und Wandel.
In der Tat beschlich einen doch sehr schnell das Gefühl, dass hier keine substantielle Rede über die Kernthemen der transatlantischen Beziehungen gehalten wurde. Sicher hatte die Rede wichtige sachpolitische Elemente. Obama sprach stärker als andere seiner Vorgänger von transatlantischer Kooperation (die auch ein gemeinsames Engagement in Afghanistan beinhaltet). Er sagte, dass die USA nicht perfekt seien und Fehler in der Vergangenheit gemacht hätten. Den meisten Beifall bekam er, als er auf die strikte Einhaltung der Menschenrechte und eine kernwaffenfreie Welt abhob. Auf der Bühne vor der Siegessäule stand aber ein amerikanischer Wahlkämpfer, der Bilder und Sprachschnipsel für die Menschen in seinem Heimatland produzierte.
Da sind wir beim richtigen Thema… Hat Obama die Rede auf seinem Weg ins Weiße Haus geholfen? Ich glaube kaum. Natürlich dominierte der Politstar die Medienberichterstattung in den USA. Natürlich konnte er sich außenpolitische Sporen mit seinen Besuchen in Afghanistan, im Nahen Osten und in Europa verdienen. Mitten im Hype um den Auftritt Obamas vergessen wir aber schnell, dass diese Form der europhilen Hyperkandidatur auf viele amerikanische Wähler sehr befremdlich wirkt. Die Frage, die vielen Durchschnittswählern in den USA durch den Kopf gegangen sei wird, könnte ungefähr so lauten: „Europe loves Obama? That´s great, but… so what?“
Obama muss aufpassen, dass er die Schraube des Massenwahnsinns nicht zu weit dreht. Außenpolitische Lorbeeren verdient man sich eigentlich anders. Schon einmal im Laufe dieses Wahlkampfes hat ihm seine Über-Popularität geschadet. Viele bodenständige Kleinstädter in Ohio und Pennsylvania fanden es nichts anderes als abgehoben und suspekt, was dort an Star-Power auf sie zukam. Sie wählten mehrheitlich Hillary Clinton.
Ein Blick in die Umfragen holt uns und Obama vollständig zurück auf den Boden. Gallup prognostiziert derzeit ein äußerst knappes Rennen. Obama liegt mit hauchdünnen zwei Prozentpunkten vor McCain. Eine Analyse der Washington Post ergab, dass McCain in den Schlüsselstaaten des Wahlkampfes massiv an Zustimmung gewonnen hat. In Colorado liegt er wieder vorn, in Minnesota hat er in den letzten Wochen sieben Prozentpunkte dazu gewonnen (!).
Das Rennen ist alles andere als entschieden. Noch ist Obama nicht die Nr. 44, die sich einige Kommentatoren in diesem Land so sehnlich wünschen.