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Die Zukunft der Obama-BewegungFreitag, 14. November 2008
Auch wenn Barack Obama mittlerweile in die nüchternen Tiefen der Regierungsplanung eingetaucht ist, so hält die Begeisterung und Faszination für seine Kampagne ungehindert an. Aus einer anfangs simplen Botschaft formte Obama eine Bewegung, die ein historisches Ausmaß angenommen hat.
Obamas Medienberaterin Anita Dunn schätzte die Zahl der Freiwilligen auf 10 Millionen. Auch gesicherte Angaben über den Umfang von Obamas Online-Community gibt es noch nicht. Folgende Zahlen kursierten allerdings auf TechPresident, dem führenden Weblog zum Online-Wahlkampf in den USA: • 10-12 Mio. E-Mail-Adressen • 3-5 Mio. Handynummern • 2 Mio. MyBo-Nutzer Hinzu kommen ca. 80-100 Mio. Videoviews auf YouTube pro Tag, 3,1 Mio. Facebook-Anhänger und 900.000 Freunde auf MySpace. Mit einem Wort: Wow! Die große Frage wird nun sein, wie der Kandidat Obama diese organisch gewachsene Gemeinschaft als Präsident Obama nutzen wird. Spekulationen schießen in der Blogosphäre ins Kraut. Den einzigen offiziellen Hinweis haben wir bisher von Obamas Internguru Chris Hughes erhalten, der auf seinem Blog kurz nach dem Wahlsieg schrieb: „This site is not going anywhere. The online tools in My.BarackObama.com will live on. Barack Obama supporters will continue to use the tools to collaborate and interact.” Pünktlich nach der Wahl ging zudem die Webseite „change.gov“ online, die Obamas Internetfirma Blue State Digital seiner Kandidaten-Homepage nachempfunden hat. Auch wenn es noch an politischem Inhalt auf der Seite fehlt, so deutet dieses Blog doch an, das Obama auch in Zukunft intensiv online kommunizieren wird. Erhellend ist auch die Tatsache, dass das New Media-Transition-Team von Obama als eines der ersten vollständig benannt worden und ab sofort funktionsfähig ist. Was wird aber mit der E-Mail-Liste des neuen Präsidenten passieren? Obama darf sie nicht aus dem Weißen Haus heraus für politische Zwecke nutzen. Das ist gesetzlich verboten. Die realistischste Option wird es sein, sie in ein Political Action Committee (PAC) auszugliedern, dem es erlaubt ist, TV-Spots zu schalten, Wählermobilisierung für demokratische Themen und Kandidaten zu betreiben oder Trainings für lokale Aktivisten anzubieten. Eine ähnliche Organisationsform hat im Übrigen auch MoveOn.org gewählt. Vieles wird allerdings vom Enthusiasmus der Obamaniacs abhängen, die Regieren wahrscheinlich nicht ganz so spannend finden werden wie Wahlkämpfen. Wir werden sehen. Eines scheint aber schon jetzt klar zu sein. Obama wird das Internet benutzen, um wieder direkter mit den Bürgern zu kommunizieren. In der Tat denkt sein Team über eine Art digitalen „Fireside Chat“ nach, den Präsident Roosevelt in den 1930er Jahren über das Radio kultiviert hatte. Als Vorbild könnte ihm Gordon Browns „Number10“-Blog dienen, auf dem der britische Premierminister jede Woche eine Bürgerfrage per YouTube-Video beantwortet. Nicht alles Neue macht Amerika. Dienstag, 11. November 2008
Am Wochenende nach den Präsidentschaftswahlen treffen sich die Berater der Kampagnen traditionell auf der Konferenz der International Association of Political Consultants (IAPC) in Washington, DC, um erste Gedanken über den abgelaufenen Wahlkampf auszutauschen. Auch in diesem Jahr fand die Tagung statt und bot interessante Einblicke in Strategie und Taktik von Barack Obama, John McCain und Hillary Clinton.
Für die Obama-Kampagne sprach Medienberaterin Anita Dunn. Sie hob noch einmal die transformative Kraft einer neuen Wahlkampfphilosophie hervor, die Kampagnen nicht mehr als Top-Down-Strategie, sondern als Bottom-Up-Prozess begreift.
Dunn nannte drei wesentliche Erfolgskriterien für Obamas Sieg. Erstens war seine Botschaft organisch mit dem Kandidaten und seiner Lebensgeschichte verwoben. Obamas Talent, „on message“ zu bleiben, beeindruckte selbst die erfahrene Medienberaterin. Sie erklärte sich diese Fähigkeit mit einer simplen Tatsache. Im Gegensatz zu vielen anderen Kandidaten, wusste Barack Obama von Beginn seiner Kampagne an, was er sagen und warum er es sagen wollte. Ein zweiter wichtiger Erfolgsfaktor war Obamas gute Kampagnenorganisation. Die Zahl der Freiwilligen schätzte Dunn insgesamt auf ca. 10 Millionen. Allein am letzten Wochenende vor der Wahl konnten die Freiwilligenzahlen noch einmal um 30 Prozent gesteigert werden. In den Schlüsselstaaten machten Volunteers am Samstag und Sonntag vor der Wahl 9 Mio. Hausbesuche. Allein in Pennsylvania fanden über 800.000 Live-Telefon-Anrufe statt. Als dritten wichtigen Punkt machte Dunn Obamas Gespür für die richtige Strategie aus. Der sonst so analytische Obama entschied sich instinktiv dafür, eine konsequente Kleinspenderstrategie zu verfolgen, den gesamten Fokus auf die Vorwahlen in Iowa zu setzen und die Kontroverse um seinen umstrittenen Pastor Jeremiah Wright mit einer eloquenten Rede frontal anzugehen. Insgesamt beschrieb Dunn Obama als einen transzendentalen Kandidaten, der weit über die rationale Sachebene hinaus denkt und einen höheren, ganzheitlicheren Anspruch an Politik hat. Diese Aussage teilte Bill McInturf, der langjährige Meinungsforscher von John McCain. Immer noch sichtlich frustriert über die Wahlniederlage räumte er zwar eigene Fehler ein, verwies aber auf die düsteren Makrotrends (Wirtschaftslage, politische Stimmung im Land, Zustimmungsraten für den amtierenden Präsidenten), vor deren Hintergrund diese Wahl stattfand. Kein republikanischer Kandidat hätte gegen diese Trends bestehen können, so McInturf. Mit dieser Aussage hatte er sicher Recht. Fragen nach der unglücklichen Vizepräsidentschaftskandidatenwahl von Sarah Palin oder die aufgesetzte „Joe, the Plumber“-Kampagne wehrte er allerdings ab. All das sei nicht entscheidend gewesen. Zentral für den Wahlkampf war für ihn die Finanzkrise, die das Rennen zugunsten von Obama verschoben habe. Als weiterer Wahlverlierer war Hillary Clintons Chefstratege Mark Penn geladen. Der CEO der weltweit agierenden PR-Firma Burson-Marsteller ging in seiner Rede kaum auf den Vorwahlkampf ein. Er betonte hingegen die historische Bedeutung der Präsidentschaftswahl für die Demokraten. Erstmals seit den 1990er Jahren sei eine Mehrheit links der Mitte in den USA möglich. Darauf deuteten die Wahlergebnisse hin. Die Demokraten seien zur Partei der Zukunft (und der Hoffnung) geworden, die Minoritäten, Jungwähler und nahezu alle Einkommensschichten gewinnen konnte.
Am Ende waren ihm jedoch auch kritische Töne zu Hillary Clintons Kampagne zu entlocken. Penn gab offen zu, dass die Planung über den Super Tuesday hinaus besser hätte sein können. Falls er jetzt noch einmal gegen Barack Obama antreten könnte, würde er Jungwähler aggressiver umwerben, deutlichere Kontraste zu Obama zeichnen und intensiver um die verlorenen Delegiertenstimmen in Michigan und Florida kämpfen, so der Meinungsforscher. Das Wichtigste sei jedoch, dass die Demokratie in den USA gesund und munter sei. Politische Partizipation sei zu einem echten Massentrend geworden. Dunn und McInturf stimmten – ganz im Sinne der von Obama geforderten Überparteilichkeit - kopfnickend zu.
Blogeintrag von Maik Bohne
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Die Obama-KoalitionFreitag, 7. November 2008
Für Politikwissenschaftler ist diese Nachwahlphase ein Fest. Seit Jahren sind sie auf der Suche nach einer neuen realignment election, also einer Epoche machenden Wahl, bei der sich Wählerblöcke neu orientieren und sich die Machttektonik zwischen den Parteien massiv verschiebt. Es zu früh, diese Präsidentschaftswahl in eine solche Kategorie einzuordnen. Die ersten Daten aus den Nachwahlbefragungen verraten aber sehr interessante Trends.
Vorweg: Der Sieg Barack Obamas ist maßgeblich der aktuellen Wirtschaftslage geschuldet. Sie führte zu einem massiven Wechsel vieler Wähler in das demokratische Lager. Je schlechter die Bürger die Wirtschaftsentwicklung bewerteten, desto höher stiegen die Umfragewerte für Obama (s. Grafik). Unweigerlich erinnert man sich an die Flutkatastrophe 2002 in Deutschland, die Gerhard Schröder maßgeblich die Wiederwahl sicherte.
Insgesamt hat Barack Obama seinen Sieg aber einer sehr bunten, zukunftsfähigen Koalition von Wählern zu verdanken. Beginnen wir mit der Jugend. Selten gab es eine solch eklatante Spanne zwischen den Kandidaten im Segment der Jungwähler. Obama gewann die Gruppe der 18-bis 29-jährigen mit 34 Prozentpunkten (!) Vorsprung. Insgesamt wählten 11 Prozent des Elektorats zum ersten Mal. Diese Wähler waren mehrheitlich jung und farbig, sie gingen klar an Obama. Interessant auch die Werte bei jungen Latinos, von denen 76 Prozent den Demokraten wählten. Auch die Genderlücke ist wieder größer geworden. Frauen präferierten Barack Obama mehrheitlich gegenüber John McCain (56%-43%). Das ist ein deutlicher Zuwachs zu 2004. Diesen Vorsprung hat Obama vor allem allein stehenden (und oft auch allein erziehenden) Frauen zu verdanken, bei denen er einen Vorsprung von 41 Prozent gegenüber John McCain hatte. Auch bei Männern konnte Obama eine knappe Mehrheit erreichen. Auch wenn die Mehrheit der weißen Wähler für John McCain stimmte (43%-55%), so konnte Obama diesen Nachteil mit einem Zuwachs an minoritären Wählern wettmachen. Waren 90 Prozent der McCain-Wähler weiß, so hatte Obama eine buntere Zusammensetzung von Unterstützern. 61 Prozent seiner Wähler waren weiß, 23 Prozent schwarz, 11 Prozent Latino und 2 Prozent Asiaten. Insgesamt stimmten 95 Prozent der Afro-Amerikaner für ihn. Das ist ein Zuwachs von 7% gegenüber John Kerry in 2004. Bei Asian Americans hatte Obama einen Vorsprung von knapp 30 Prozent. Bedeutender ist jedoch der Stimmungswechsel bei den Latinos. Hatte George W. Bush es vor vier Jahren noch geschafft, viele (kulturell konservative) Hispanics mit einem ausgeprägten Wertewahlkampf ins Lager der Republikaner zu ziehen, so wanderten 2008 viele dieser Wähler zu den Demokraten. Obama konnte bei dieser überproportional wachsenden Bevölkerungsgruppe 23 Prozentpunkte gut machen. Sie bescherte ihm u.a. Siege in New Mexico und Colorado. Wichtiger Bestandteil der obamaschen Wählerkoalition waren zudem die affluenten, weißen, gebildeten Wähler in den Vororten der größeren Städte. Obama nahm diese Bastion des gemäßigten Konservatismus in vielen Teilen des Landes ein, egal ob im Norden Virginias oder im reichen Orange County in Kalifornien. Obwohl Obama im Wahlkampf offen zugab, Umverteilungspolitik betreiben zu wollen, holte er massiv bei Gutverdienern auf, die über 100.000 Dollar Jahreseinkommen haben (+8%). Diese Gruppe hatte George W. Bush 2004 noch klar für sich entschieden. Auch die Mehrzahl der besser Gebildeten im Land scheint vermehrt zur Demokratischen Partei zurückzukehren. Bei Wählern mit einem Master- oder PhD-Abschluss gewann Obama 18 Prozentpunkte dazu, auch die College-Absolventen gewann er knapp. Hinzu kommen die Arbeiter und Geringverdiener, die zwar mehrheitlich in den Primaries für Hillary Clinton gestimmt hatten, aber im Laufe des Hauptwahlkampfes – auch dank der effektiven GOTV-Kampagne der Gewerkschaften – zurück ins demokratische Lager gekommen sind. Das Bild lässt einen klaren Schluss zu. Barack Obama hat es geschafft, die demokratische Wählerkoalition massiv auszubauen. Ob er sie allerdings längerfristig in der Demokratischen Partei halten kann, bleibt abzuwarten. Immerhin hat er seiner Partei das Label „Zukunft“ anheften können. Die Republikaner werden dagegen mehr und mehr zur Partei der angry white men im Heartland und im Süden des Landes. Die einzigen Bezirke, in denen McCain dazu gewinnen konnte, waren strukturschwache Gegenden in den Appalachen. Das sagt einiges aus.
Blogeintrag von Maik Bohne
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Historischer SiegDonnerstag, 6. November 2008
Die Zahlen sprechen für sich. Barack Obama siegt mit 190 Elektorenstimmen und über sieben Millionen Wählerstimmen Vorsprung gegen John McCain. Amerika verzeichnet die höchste Wahlbeteiligung seit 100 Jahren. Ein farbiger, charismatischer, junger Politnovize schafft es, innerhalb weniger Jahre vom Außenseiter zum Präsidenten der USA aufzusteigen.
Diese Wahlnacht in Washington, DC zu erleben, war einmalig. Den ganzen Tag über lag eine angespannte Stimmung über der Stadt, die zwar (noch) einen republikanischen Präsidenten beherbergt, aber ansonsten zu 95 Prozent demokratisch ist. Als klar wurde, dass Barack Obama der nächste Präsident der USA werden wird, kannte der Jubel keine Grenzen. Im sonst so kontrollierten, bürokratischen und spießigen DC fanden Straßenpartys statt, Autokorsi fuhren durch die City, mehrere Tausend Menschen versammelten sich vor dem Weißen Haus, um George W. Bush ein kleines Abschiedskonzert zu geben. Es waren vor allem junge College-Kids, die den Weg in die Pennsylvania Avenue gefunden hatten, gemixt mit ein paar Altlinken, die sich mit Tränen in den Augen ihre Siegeszigarren anzündeten. Die Ostküste schien regelrecht aufzuatmen. Dieser Sieg war ein Befreiungsschlag gegen die konservativen Eliten, die den Diskurs im Land viel zu lange mit Halbwahrheiten und Angstrhetorik dominiert hatten. Held des Abends war natürlich Barack Obama, der einmal mehr zeigte, mit welcher Eloquenz er es versteht, seine Botschaft zu senden. Geschickt wob er seinen eigenen Triumph in die Narration und Geschichte des Landes ein. Bemerkenswert - auch wenn ein solcher Auftritt natürlich einen Schuss zu viel Pathetik für europäische Ohren hat. In dem ganzen Trubel ist eine glorreiche Tat nahezu komplett untergegangen. John McCain zeigte sein wahres Gesicht – im positiven Sinne. Im Wahlkampf war er seinen Beratern gefolgt und hatte dem Land die üblich-simple konservative Soße aufgetischt. Terroristen, Hockey-Mums, Klempner-Joe, Sozialismus… die McCain-Kampagne ließ nichts aus. Umso beeindruckender war McCains offene und kompromisslose Unterstützung für den neuen Präsidenten Barack Obama!
Blogeintrag von Maik Bohne
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Schlussspurt in VirginiaMontag, 3. November 2008
Die letzten 48 Stunden dieses nicht enden wollenden Wahlkampfes wollen richtig genutzt sein. Deshalb geht es ab in den Flieger, um diese historische Wahl vor Ort in Washington, DC live und in Farbe mitzuerleben.
Amerika ist im Wahlfieber, das merkt man sofort. Kein anderes Thema scheint die Menschen hier stärker zu bewegen. Im Frühstücksfernsehen wird sogar offen über Entzugserscheinungen nach dem Ende der 20-monatigen Wahlperiode gesprochen. Manch einer der politischen Junkies fürchtet sich hier bereits vor dem Cold Turkey nach dem 4. November. Verrückt. Selbst die Finanz- und Wirtschaftskrise gerät für einige kurze Momente in Vergessenheit. Im Fernsehen laufen die Spots rauf und runter. Obama dominiert hier im Norden von Virginia die Werbephasen, teilweise mit zweiminütigen Mega-Beiträgen. Aber auch John McCain und das Republican National Committee sind “on air”, zumeist mit Negativinformationen über ihren demokratischen Gegenkandidaten. Massive Zweifel werden an Obamas Mainstream-Image und an seiner Eignung als Commander-in-Chief gehegt.
Mit diesem medialen Hintergrundrauschen im Kopf geht es in den elektoralen Nahkampf. Hausbesuche, das sog. door-to-door canvassing, steht für uns auf dem Programm. Als Deutscher hat man die üblichen Zweifel: “Man kann da doch nicht einfach vorbeigehen und mitmachen, so kurz vor der Wahl!” Das Canvassing ist beschwerlich. Cindy hatte bereits drei Besuche in den letzten vier Tagen und offensichtlich keine Lust mehr, mit uns zu sprechen. Pete ist nicht zu Hause. Er bekommt einen Anhänger an seine Türklinke, der ihn daran erinnert, am Dienstag die Herren Obama und Biden zu wählen. Anders sieht es bei Steve aus. Er schaut gerade College-Football, aber hat fünf Minuten Zeit, um mit uns über seine elektorale Zerrissenheit zu sprechen. McCain hält er für einen amerikanischen Helden. Er steht dem alten Kriegsveteranen kulturell deutlich näher als Obama, das spürt man. Andererseits ist da jedoch die Wirtschaftskrise, sein unsicherer Rentenfonds und das Schlamassel im Irak. Steve mag uns, wir verstehen uns auf Anhieb. Hier die deutschen Volunteers, dort der amerikanische Trucker, der hin- und hergerissen ist zwischen konservativem Wertemuster und linkem Sozialstaatsdenken. Am Ende des Gesprächs kreuzen wir hinter Steves Namen eine „2“ an. Er neigt zu Obama. Das ist ein Erfolg. So geht es den ganzen Nachmittag weiter, von Haus zu Haus, von Wähler zu Wähler. Jede Stimme zählt, gerade hier im Old Dominion, das auf dem Weg ist, nach 44 Jahren wieder an die Demokraten zu gehen. Demokratischer Erdrutsch?Montag, 27. Oktober 2008
Die schlechten Nachrichten für John McCain reißen nicht ab. Die nationalen Umfragen sehen Barack Obama mittlerweile stabil zwischen acht und zehn Prozentpunkten vorne, seine Vizepräsidentschaftskandidatin fällt durch peinliche Auftritte und eine 150.000-Dollar-Couture auf, sein Kampagnenteam ist zerstritten, seine Partei fürchtet den Absturz in die Bedeutungslosigkeit.
In der Tat mehren sich die Stimmen, die einen demokratischen Erdrutschsieg am 4. November voraussagen, nicht nur auf der Präsidentenebene, sondern auch im Kongress. Schaut man sich an, in welchen Bundesstaaten die Kandidaten ihre restlichen Ressourcen einsetzen, so zeigt sich ganz deutlich, dass McCain nahezu ausschließlich in der Defensive ist, Obama hingegen nur noch Offensive spielt. McCain hat sich auf die Verteidigung der Staaten zurückgezogen, die George W. Bush 2004 zum Sieg reichten. Auch wenn er weiterhin im demokratischen Pennsylvania aktiv ist, so fokussiert er sich im Prinzip auf den Kampf in Ohio, Florida, Missouri, Virginia und North Carolina. In diesen Staaten hat Obama seinerseits voll auf Angriff umgeschaltet. Ein Blick auf die Wahlkarte zeigt die ausweglose Situation für McCain. Selbst traditionell republikanische Bundesstaaten wie Montana, North Dakota und South Dakota sind nicht mehr außer Reichweite für Obama. Selbst in Georgia und South Carolina profitiert er vom Hunger nach Wandel in ökonomisch harten Zeiten. Auch im Kongress sieht es düster aus für die Grand Old Party (GOP). Im Repräsentantenhaus könnten die Demokraten 20 bis 40 Sitze dazu gewinnen, im Senat sogar die obstruktionsfeste Zahl von 60 Stimmen erreichen, die gegen Filibuster von Seiten der Republikaner schützen würde. Ob den Demokraten ein solcher Erdrutsch aber wirklich gut tut? Mit einer absoluten gestalterischen Mehrheit in Washington wächst der Druck auf die Partei ins Unendliche. Erwartungen könnten schnell enttäuscht werden. Wie zwischen 1992 und 1994, als Bill Clinton das Land mit einem Reformschwall überzog und den Boden für ein wieder erstarktes „conservative movement“ rund um den damaligen republikanischen Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus Newt Gingrich bereitete. Doch selbst besagter Gingrich fragt heute offen: „How did we get into this mess?“ Ganz einfach. Einmal mehr ist eine verdichtete Ideologie an ihrem missionarischen Eifer und ihrer Kompromisslosigkeit gescheitert, weil sie den Blick auf die Realitäten im Land Schritt für Schritt verloren hat. Das politische System der USA lebt vom Kompromiss. Das haben die Herren Bush, Gingrich, DeLay oder Boehner allzu oft vergessen. It´s all about… FreiwilligeFreitag, 24. Oktober 2008
Blass vor Neid schauen die deutschen Parteien regelmäßig in die USA, wenn sie die schiere Zahl enthusiastischer Freiwilliger sehen, die für die Kandidaten von Haus zu Haus ziehen, Wähler anrufen oder Geld spenden. Ohne Frage lebt Wahlkampf in den USA von basisnaher Manpower – gerade in den letzten Wochen vor der Wahl. Die Kampagnen von Barack Obama und John McCain stellen die eigene Basis konsequent in den Mittelpunkt. Ihr Credo lautet: „Jeder Unterstützer ist ein Botschafter!“
Beginnen wir mit Barack Obama. Befindet man sich auf der E-Mail-Liste des Demokraten, dann wird man mittlerweile im Stundentakt zu irgendwelchen Wahlkampfaktionen aufgefordert. Mal soll man seine Sachen packen und in einen angrenzenden battleground states fahren, um in den letzten Kampagnentagen als Freiwilliger am elektoralen Häuserkampf teilzunehmen. Mal fordert Obama dazu auf, Hausparties zu organisieren, auf denen bei Cola und Chips gemeinsam unentschlossene Wähler im ganzen Land angerufen werden sollen.
John McCain ruft derweil den „Super Saturday“ aus. Das Ziel: Am Wochenende sollen seine Anhänger Events in ihrer Nachbarschaft organisieren, um ihre Freunde, Familien oder Kollegen persönlich von den Qualitäten des Republikaners zu überzeugen. Dabei belässt es das Kampagnenteam von McCain nicht. Kürzlich startete es einen Videowettbewerb und forderte seine Unterstützer auf, das – mittlerweile ziemlich dekonstruierte – Kampagnenmaskottchen „Joe the Plumber“ zu mimen. Im O-Ton: “We want you to tell us how you are "Joe the Plumber" and why you're supporting John McCain and Sarah Palin in thirty seconds. You could even see your video as an official McCain TV ad.[...] Share your story of living the American Dream, working hard, or owning a small business to tell America why you're standing with John McCain and Sarah Palin.” Im Fachjargon heißt das: User-Generated Content.
Obamas WochenendeMontag, 20. Oktober 2008
Demokrat zu sein tut gerade richtig gut. Nach Jahren der Niederlagen scheint die Partei von FDR, Kennedy und Clinton auf dem Weg zu einer neuen politischen Dominanz zu sein. Die so wichtige gestalterische Mehrheit von 60 Sitzen im Senat ist in greifbarer Nähe, die Majorität im Repräsentantenhaus wird wachsen. Und dann sind da ja noch die Erfolgsmeldungen des eigenen Präsidentschaftskandidaten.
Barack Obama erlebte ein Wochenende nach Maß. Am Freitag machten bereits Gerüchte die Runde, wonach er die historische Marke von 100 Mio. Dollar Spendeneinnahmen pro Monat reißen könnte. Am Ende waren es über 150 Mio. Dollar, die er im September auf seinem Kampagnenkonto verbuchte. Diese Summe ist mehr als doppelt so hoch wie der bisherige Rekordbetrag von 67 Mio., die er im August eingesammelt hatte. Die Zahlen sind außerirdisch. 632.000 neue Spender kamen allein im September dazu. Mittlerweile kann die Kampagne auf ein Netzwerk von 3,1 Mio. Geldgebern zurückgreifen, die nicht selten Kleinstbeträge bis zu 100 Dollar spenden. Normalerweise sind Wahlkämpfe notorisch unterfinanziert, sie stellen einen steten Kampf um die richtige Ressourcenverteilung dar. Anders bei Obama. Mittlerweile wissen die Mitarbeiter nicht mehr wohin mit dem Geld und denken offen darüber nach, Finanzmittel an die Kampagnenkomitees der Kongressparteien abzugeben. Nicht nur dominiert Obama den Basiswahlkampf, sondern er gibt Schätzungen zufolge drei- bis viermal mehr für TV-Spots aus als John McCain. In traditionellen republikanisch neigenden Staaten wie North Carolina, Virginia oder Missouri ist Obama in der Offensive. McCain beschränkt sich mittlerweile auf die Verteidigung der Bundesstaaten, die George W. Bush 2004 gewinnen konnte. Hinzu kam der Auftritt von Colin Powell, seines Zeichens hoch dekorierter Kriegsheld und ehemaliger Außenminister unter Bush, der sich bei „Meet the Press“ öffentlich für Obama aussprach. Obwohl er im Vorwahlkampf noch Geld an McCain gespendet hatte, entschied sich Powell gegen seinen Veteranenfreund. McCains Kampagne sei ihm zu erratisch, seine Vizepräsidentenkandidatin Sarah Palin zu schlecht, die republikanische Partei zu wenig wandlungsfähig. Obama lobte er hingegen als intelligenten, wissbegierigen, energischen Führer einer neuen politischen Generation. Das Endorsement Powells wird Obama helfen, Zweifel an seiner Kandidatur bei konservativen, sicherheitsdenkenden Independents zu zerstreuen. Zudem stärkt es sein überparteiliches Image. Es sieht gut aus für den Demokraten. Hoffentlich nicht schon zu gut… McCains letzte Chance?Mittwoch, 15. Oktober 2008
John McCain ist in diesen Tagen nicht zu beneiden. Parallel zu den fallenden Börsenkursen bewegten sich auch seine Umfragewerte nach unten. Natürlich nicht in der Monstranz der einzigartigen Wall Street-Baisse, aber doch deutlich sichtbar. Barack Obama hat die Finanz- und Wirtschaftskrise ein großes Stück näher an die Pforten des Weißen Hauses gebracht. In Umfragen liegt er mittlerweile komfortabel vorne, in den Schlüsselstaaten baut er seinen Vorsprung aus, selbst in republikanischen Hochburgen wie North Carolina kann er punkten.
John McCain kämpft verzweifelt gegen seine drohende Niederlage an. Er probiert alles, was man als Präsidentschaftskandidat im Instrumentenkasten hat. Er zeigte sich überparteilich, als Retter der Nation. Er stellte sich als Macher und Aktionist dar, der den Wahlkampf sogar einstellen wollte, um in Washington nach Lösungen aus der Krise zu suchen, die andere viel besser meistern konnten. Zu guter Letzt hegte er massive Zweifel am Charakter seines Gegenübers. Er brachte ihn mit Terroristen in Verbindung, bezeichnete ihn als steuergierigen Liberalen und als zu riskante Wahl für den Präsidentenjob. Mittlerweile hat McCain seine Attacken offiziell zurückgefahren. Negativwahlkampf, das wirkt beim Mann, der den Wählern „Straight Talk“ versprochen hatte, aufgesetzt und unauthentisch. Zudem merkte McCain, dass er die Geister, die er gerufen hatte, nicht mehr richtig einfangen konnte. Die Stimmung auf seinen Veranstaltungen wurde immer gereizter. Ein Zuhörer rief an Obama adressiert: „Bringt ihn um!“ Eine ältere Frau war überzeugt davon, Obama sei ein arabischstämmiger Muslim. Daraufhin sah sich McCain genötigt, ihr das Mikrofon aus der Hand zu nehmen. In einer neuen New York Times/CBS-Umfrage gaben 61% der Befragten an, dass John McCain mehr Negativ- als Positivwahlkampf führe. Heute nun ist die letzte große Chance für McCain, das Rennen doch noch zu drehen. Die Kandidaten treten zum letzten TV-Duell an. Man darf gespannt sein, was McCain tun wird, um den Wahlkampf doch noch in seine Richtung zu bewegen. Mir fällt wenig ein, aber der alte erratische Haudegen ist immer für eine Überraschung gut. Er hat immerhin versprochen, die Peitsche heraus zu holen… Wir müssen reden…Freitag, 10. Oktober 2008
Barack Obamas Erfolg basiert maßgeblich auf neuen Methoden des Word-of-Mouth-Marketings, mit dem er seine Kampagne in die Gesellschaft trägt. Die Grundidee: Mach Deine Unterstützer zu Botschaftern! Eine seiner loyalsten Anhängergruppen sind Jungwähler, die Obama nun auf eine ganz besondere Weise im Sinne der Kampagne einzusetzen versucht.
Per E-Mail werden sie aufgefordert, die Debatte über Barack Obama an den heimischen Küchentisch zu tragen. Ein Gratis-Manual für das Gespräch mit den Eltern gibt es gratis dazu.
Dear Maik, If your family isn't already supporting Barack, it's time for you to have "The Talk." With so many rumors and misperceptions out there, it's incredibly important that you sit down with parents or other family members. Tell them who Barack is, what he stands for, and why you're supporting him. You may be the only person who can convince them. But it can be difficult to bring up the subject, so here are a few tips: • Send an email. You can scroll down for some talking points, but feel free to add your personal touch. • Breaking the ice can be hard. Start by asking if they saw the debate on Tuesday and what they thought about it. • Have some information handy. We have one-page summaries of Barack's positions on various issues. Look for the issues you know are important to your family. • Share Barack's speech from the Democratic National Convention or Meet Barack, a video about who Barack Obama is, where he comes from, and what his values are. Kinder erziehen ihre Eltern. Ein interessantes Konzept! Obama attackiertDienstag, 7. Oktober 2008
Sarah Palin holte am Wochenende den Negativ-Hammer raus. Stellvertretend für John McCain machte sie ihrer selbst gewählten Bezeichnung des Pitbulls alle Ehre. Offen brachte sie Barack Obama mit dem Chicagoer Pädagogik-Professor Bill Ayers in Verbindung, der in den 1960er und 1970er Jahren mit der terroristischen Gruppierung Weather Underground Anschläge auf Regierungsgebäude – u.a. auf das Pentagon - geplant und ausgeführt hatte. Palin stellte Obamas patriotische und politische Gesinnung offen in Frage, indem sie erklärte: „[Mr. Obama] is someone who sees America as imperfect enough to work with a terrorist.“
Die Obama-Kampagne wusste von Beginn der Kampagne an, dass Ayers ein Thema im Wahlkampf werden würde. Hillary Clinton hatte die Geschichte dann auch auf dem Höhepunkt des Vorwahlkampfes ausgepackt, als sie Obama während einer TV-Debatte offen für seine angebliche Verbindung zu Ayers kritisiert hatte. Dass sich die Republikaner des Professors aus Chicago annehmen würden, war also keine Überraschung. Ein Artikel in der New York Times brachte das delikate Thema jetzt wieder auf die Tagesordnung. Nüchtern wird in diesem Beitrag über Ayers und Obama berichtet. Ayers organisierte Mitte der 1990er Jahre kleine Events für den jungen Politiker, der um ein Landtagsmandat in Illinois kämpfte. Ayers spendete Geld an den Demokraten. Beide hatten zudem miteinander in verschiedenen Stiftungen zu tun. Ein Buch des Uni-Professors über Schulreformen fand das ausdrückliche Lob Obamas, der sich aber generell von den Ansichten und Taten des Altlinken klar distanzierte. Dass McCain schon jetzt, einen Monat vor Wahl, mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit geht, ist bemerkenswert. Es zeigt, wie verzweifelt McCain um eine Wende im Rennen mit Obama kämpft. Die Wirtschaftskrise hat den Wahlkampf zugunsten der Demokraten gedreht. Nun versucht McCain ihn wieder zu einer Charakterfrage zu machen, indem er Zweifel an der Person Obamas streuen, ihn als zu weit links und zu radikal für Amerikas Mitte darstellen will. Barack Obamas Rapid-Response-Team reagierte sofort auf die harschen Anschuldigungen. Umgehend griff der Senator die „Schmutzkampagne“ John McCains mit den Worten an: „They'd rather try to tear our campaign down than lift this country up.“ Oben drauf setzte Obama eigene Attacken gegen McCain. Dessen unrühmliche Rolle im letzten großen Bankenskandal Anfang der 1990er Jahre beleuchtet er in einer fast 15-minütigen Dokumentation auf www.keatingeconomics.com. Der Hintergrund: John McCain hatte sich damals für den befreundeten Geschäftsmann Charles Keating eingesetzt, der mit seiner Lincoln Savings and Loan Association (LSLA) staatlich verbürgtes Geld im Wert von 3,4 Milliarden Dollar mit riskanten Immobiliendeals verbrannte. McCain half damals als Teil einer Gruppe von Kongressabgeordneten („Keating Five“), die Kontrolleure der bundesstaatlichen Regulierungsbehörden zu beschwichtigen und zurückzuhalten. Der Wind wird rauer im Wahlkampf. John McCain wird sich nicht kampflos ergeben. Das ist sicher. Der Kongress und das liebe GeldMittwoch, 1. Oktober 2008
Auch am zweiten Tag nach dem Scheitern des 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplanes für die amerikanischen Banken herrscht große Ernüchterung in Washington, DC. Einmal mehr bestätigte die Politik eines der größten Vorurteile, das man ihr gegenüber pflegt. Der Vorwurf lautet: In der Krise ist das politische System zu langsam, zu schwerfällig, zu unflexibel, um eine Lösung für dringliche Fragen zu finden.
Der Grund für das vorläufige Scheitern des Planes ist jedoch ganz einfach zu bestimmen. Es fehlt zurzeit schlichtweg an politischer Führung in Washington. Beginnen wir mit Präsident Bush. Seine Reden an die Nation in den vergangenen Tagen waren klar in Ton und Sprache, sie machten den Ernst der Lage deutlich. Dennoch konnte der Präsident seine Bürger nicht von der Ratio seines Planes überzeugen. Die Mehrheit der Amerikaner fürchtet sich zwar vor einer Wirtschaftskrise, ist aber weiterhin nicht von der Rettungsaktion angetan. Sie erregt sich - zu Recht - über die verantwortungslosen Banker und Finanzjongleure, ohne dabei aber vollends zu verstehen, wie wichtig dieser Plan für die Gesamtwirtschaft und damit für das Wohlergehen des Landes ist. Die Menschen zu überzeugen, sie auf dem gemeinsamen Pfad aus der Krise mitzunehmen, das ist die Aufgabe des obersten politischen Führers des Landes. Bush schaffte dies nicht. Eindringlich zeigte sich, wie viel politisches Kapital und Vertrauen die „lahme Ente“ in den vergangenen Jahren bei seinen Landsleuten verspielt hat. Bushs Umfragewerte sind auf einem historischen Tief angelangt. 26 Prozent der US-Bürger stimmen der Arbeit des Präsidenten noch zu, 70 Prozent sind mit ihr unzufrieden. Hinzu kommt die Republikanische Partei. Für europäische Beobachter schier unbegreiflich lehnte die Mehrzahl der republikanischen Abgeordneten den Plan ihres eigenen Präsidenten ab. Bushs Lobbying-Aktionen im Repräsentantenhaus stießen auf taube Ohren. Aus zwei Gründen. Zum einen befinden sich viele Abgeordnete in engen Wahlkämpfen. Ihnen waren Wahlkreis und politisches Überleben wichtiger als das abstrakte Wohl des Landes. Wütende Reaktionen – per Telefon, E-Mail und Brief – erreichten die Parlamentarier kurz vor der Abstimmung. Viele knickten ein. Zum anderen gab es eine Reihe von extrem ideologischen Republikanern - aus sicheren Wahlkreisen -, die ganz einfach ihre Weltanschauung über den jetzt gebotenen Pragmatismus stellten. Eingriffe des Staates sind für sie tabu, egal wann und wo. Das ist eine puristische Strauss-Friedmansche Denkweise, die keine Kompromisse zulässt. Das Paket scheiterte aber nicht nur an den Republikanern. Auch 95 Demokraten gingen Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, von der Fahne. Schaut man auf die Abstimmungsstatistik, dann sieht man, welche Gruppe von Demokraten mit Nein stimmte. Viele Repräsentanten aus Wahlkreisen mit einem hohen Anteil an Minoritäten konnten ihren ökonomisch benachteiligten Wählern nicht deutlich machen, warum ihre Steuergelder zur Rettung der gierigen Wall Street aufgewendet werden sollten. Zum Abschluss spielt auch der derzeitige Wahlkampf eine Rolle in der krisenhaften Gemengelage. John McCain und Barack Obama sind zwar die neuen nominellen Führer ihrer Partei. In dramatischen Appellen haben sie ihre Kollegen mittlerweile zur Verabschiedung des Planes aufgerufen. Das Problem ist aber, dass sie bisher kaum politisches Kapital im Kongress angehäuft haben. Beide stilisierten sich bis dato gezielt als Washingtoner Außenseiter. Sie wurden von der Basis nominiert und nicht von den Eliten in der Hauptstadt. Das ließen sie ihre Wähler wissen. Eine solche Strategie mag wahltaktisch klug sein, sie legte aber in Zeiten der Krise den geringen Einfluss der Kandidaten auf den politischen Prozess in Washington schonungslos offen. So kam, was kommen musste. Am Ende der Woche werden wir einen Rettungsplan haben. Davon gehen wir alle aus. Der Senat wird ihn heute – mit einigen Zusätzen – verabschieden. Das Repräsentantenhaus wird am Donnerstag hoffentlich nachziehen. Dennoch zeigt der Beinahe-Supergau am Montag, wie riskant es für eine Demokratie ist, wenn es an klarer politischer Führung fehlt und die Zentrifugalkräfte eines fragmentierten politischen Systems zu stark werden. The Winner Is...?Montag, 29. September 2008
Sie trafen sich also doch, die beiden Kontrahenten. John McCain hatte seine Teilnahme am ersten TV-Duell lange Zeit in der Schwebe gehalten. Am Freitagabend erschien er aber doch auf dem Podium der „Ole Miss“ (University of Mississippi) in Oxford, um mit Barack Obama verbal in den Ring zu steigen.
Vorweg: Die Debatte hatte keinen klaren Sieger. Beide Kandidaten wirkten präsidentiell, keiner konnte sich entscheidend gegen den anderen durchsetzen. In den ersten 40 Minuten hatte Obama einen leichten Vorteil, weil es um die aktuelle Finanzkrise ging. Die Taktik des jungen Senators war es, McCain mit der Wirtschaftspolitik der unpopulären Bush-Regierung in Verbindung zu bringen. Das gelang ihm - zumindest rhetorisch – ganz gut. Im zweiten Teil der Debatte ging es – wie ursprünglich geplant – um Außenpolitik. Obwohl McCain Probleme hatte, die Namen des iranischen und des pakistanischen Staatspräsidenten richtig auszusprechen, zeigte er sich insgesamt als dominant bei diesem Thema. Immer wieder schien er Obama als Politnovizen behandeln zu wollen. Die Phrase „Barack Obama doesn´t understand“ benutzte er häufig. Obama sah aber nicht aus wie ein Kandidat, der nichts versteht. Er verhielt sich diametral zu McCains „running mate“ Sarah Palin, die kürzlich wieder in einem ABC-Interview mit Katie Couric neue Peinlichkeiten von sich gegeben hatte. Dennoch geriet Obama in die Defensive, als es z.B. um seine Ankündigung ging, sich ohne Vorbedingungen mit Diktatoren zu außenpolitischen Gesprächen treffen zu wollen. Alles in allem endete das Duell in einem Patt. McCain wirkte gelöst, ein wenig arrogant, aber immer mit einem smarten Lächeln auf den Lippen. Obama musste wie ein Führer in Krisenzeiten - wie ein ernster und ernst zu nehmender Commander-in-Chief - auftreten. Das tat er ohne Umschweife, auch wenn sein sonorer, kühler Ton schon fast etwas zu distanziert wirkte. Wie üblich versuchten beide Seiten, der Debatte über die TV-Debatte ihren eigenen Spin hinzuzufügen. Der ging aber größtenteils unter in der Berichterstattung über den Kompromiss zwischen Kongress und Exekutive über den 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplan für die angeschlagenen Kreditinstitute. Verlierer des Abends war sicherlich das Format. Die Kandidaten hatten zwei Minuten Zeit für Statements, danach sollten fünf Minuten des Dialogs zwischen McCain und Obama über die Frage des Moderators Jim Lehrer folgen. Beide Kandidaten gingen aber selten aufeinander ein. McCain würdigte Obama kaum eines Blickes. Der ansonsten ausgezeichnet agierende Lehrer hatte es schwer, die Vorgaben der Debattenkommission umzusetzen. Am 7. Oktober geht es weiter mit dem nächsten TV-Duell. Es wird im Town-Hall-Format stattfinden. Diese Art der Debatte, bei der ausgewählte Zuschauer direkt Fragen an die Kandidaten stellen dürfen, liegt dem spontanen, schlagfertigen McCain. Ein Positivum für den Senator aus Arizona, der unbedingt Boden gegenüber Obama gut machen muss. Die letzten Umfragen zeigen, dass der Demokrat in nationalen und vielen einzelstaatlichen Umfragen deutlich in Führung gegangen ist. Das lag aber weniger an der TV-Debatte als viel mehr an der Wirtschaftskrise, die demokratische Kandidaten generell zu bevorzugen scheint. Hier die komplette Debatte zum Selberschauen.
Blogeintrag von Maik Bohne
um
11:09
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Ans Wesentliche denkenDienstag, 23. September 2008
Zur Zeit bestimmt die Finanzkrise die Schlagzeilen und damit auch den Wahlkampf. Obamas Kampagnenmacher verlieren bei all dem Trubel aber nicht den Blick für das Wesentliche. Ein wichtiger Baustein in Obamas Kampagne ist es, mehr Wähler in den politischen Prozess zu bringen. In den USA ist dies gleichbedeutend mit der Intensivierung der Wählerregistrierung. Wir erinnern uns. In den Vereinigten Staaten gibt es kein automatisches Wahlrecht. Nur, wer sich im Vorfeld der Abstimmung als Wähler registriert hat, wird zum Urnengang zugelassen.
Barack Obama hat nicht nur ein neues Portal voteforchange.com geschaffen, auf dem man sich online für die Wahl registrieren lassen kann, sondern er wirbt auch auf Webseiten (s. unten) massiv für die „Register to Vote“-Kampagne. In diesem Falle hat uns das Geo-Targeting-System als Surfer aus dem Ausland identifiziert. Deswegen bekommen wir den Hinweis „Don´t miss the deadline to vote from abroad.“ Sehr interessant.
Wirtschaftsabschwung = Obamas Aufschwung?Freitag, 19. September 2008
John McCain und Barack Obama kämpfen derzeit um die beste Antwort auf die Finanzkrise in den USA. Hilflos mussten sie in den letzten Tagen zuschauen, wie die großen Investmentbanken ins Trudeln gerieten. Das Heft des politischen Handels hat zurzeit eher die Bush-Regierung in der Hand. Finanzminister Arthur Paulson ging gestern mit einem Rettungsplan für die angeschlagenen Banken in die Offensive. Das stabilisierte die Märkte, zumindest kurzzeitig.
John McCain machte bisher alles andere als eine gute Figur. Er schlingerte gewaltig. Populistisch griff er zwar die gierigen Investmentbänker an der Wall Street an und forderte Christopher Cox, den Vorsitzenden der obersten Regulierungsbehörde, der Securities and Exchange Commission (SEC), zum Rücktritt auf. Aber klare politische Lösungen hatte er nicht parat. Am Dienstag lehnte er eine Regierungshilfe für den Großversicherer AIG ab, um sie am Mittwoch doch zu unterstützen, als klar wurde, dass die Bush-Administration eingreifen wollte. Zu Beginn der Woche forderte McCain eine „9/11-style commission“, um das Problem an der Wall Street nach der Krise in Ruhe aufzuarbeiten. Als gestern aber klar wurde, dass das Weiße Haus fieberhaft daran arbeitete, einen Rettungsfonds für „faule“ Kredite einzurichten, schwenkte er schnell auf dessen Linie um. Die Demokraten sind die Schutzpartei des kleinen Mannes. In der Regel profitieren ihre Kandidaten politisch in Zeiten von Wirtschaftskrisen. Auch Obamas Hoffnungs- und Wandelrhetorik kommt jetzt gelegen, weckt sie doch implizit Erinnerungen an den großen demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der den Amerikanern mitten in der Weltwirtschaftskrise optimistisch zurief: „Happy Days Are Here Again“. Die letzten Umfragen zeigen, dass Obama wieder an McCain vorbeigezogen ist. Nicht nur national, sondern auch in so wichtigen Schlüsselstaaten wie Michigan, Ohio, New Mexico oder Indiana. So zynisch diese Aussage auch ist, in ihr steckt eine wichtige Wahrheit: Der wirtschaftliche Abschwung befördert Obamas politischen Aufschwung.
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