Barack Obama hat die übliche Kritik einstecken müssen nach seiner Entscheidung für Joe Biden als „running mate“. Biden sei eine ZU sichere Wahl. Obama habe sich nicht getraut, den von ihm propagierten politischen Wandel mit einem jungen, energischen, zukunftsorientierten Politiker wie Virginias Gouverneuer Tim Kaine (50) oder Iowas Senator Evan Bayh (52) zu unterstreichen. So zumindest einige Kommentatoren. Diese Kritik mag berechtigt sein. Insgesamt war die Wahl von Senator Biden aber ein sehr kluger Schachzug von Obama. Biden ergänzt das Ticket in drei entscheidenden Punkten. Er kann helfen, die größten Schwächen des jungen Senators zu korrigieren.
1. Politische Erfahrung
Es gibt kaum einen anderen Politiker in Washington, der so viel Erfahrung in außen- und innenpolitischen Sachfragen hat wie Joe Biden. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Senat ist ein gefragter Gesprächspartner in Paris oder Berlin, in Tiflis oder Peking. Immer stärker zeigt sich in Umfragen, dass die Wähler die größten Zweifel an Obama anmelden, wenn es um Außenpolitik und nationale Sicherheit geht. Bei diesen Themen hat McCain klar die Nase vorn. Das zeigte sich auch wieder im Georgien-Konflikt, als McCain selbstsicherer als Obama Stellung nahm zu den Geschehnissen im Kaukasus. Biden kann helfen, der Obama-Kampagne mehr außenpolitische Gravitas zu geben.
2. Otherness
Mike Podhorzer, Kampagnenchef der Gewerkschaften in den USA, sagte mir kürzlich im Interview, dass viele weiße Arbeiter nach politischem Wandel verlangten, aber nicht wissen, ob sie SO VIEL Wandel wollen. Die Andersartigkeit Obamas, seine Hautfarbe, seine Fähigkeit zu inspirieren, seine rhetorischen Fertigkeiten, stoßen bei vielen kulturell konservativen Amerikanern nicht nur auf ungeteilte Freude, sondern auf große Skepsis. Joe Biden ist der richtige Kandidat, um diesen Wählern zu versichern: Alles ist okay! Biden stammt aus einfachen Verhältnissen; aus Trenton (Pennsylvania), einer der alten, großen Arbeiterregionen des Landes. Er kennt den Rust Belt sehr genau. Zudem ist Biden schon vom Äußeren her eine Art Rückversicherung für skeptische Wähler. Er ist alt, weiß, ein erfahrener Haudegen.
3. Attack Dog
Joe Biden ist ein der schärfsten und redegewandtesten Kritiker George W. Bushs und der Republikanischen Partei. Er hat die Aura und Chuzpe, den Attacken McCains contra zu geben. Obama braucht solch einen Attack Dog, hat er sich doch in den letzten Wochen unnötig in die Defensive drängen lassen, weil das Team McCain erfolgreich war, in als abgehobenen, leichtgewichtigen Politstar ohne Erfahrung zu portraitieren. Bidens eloquente Angriffe auf McCain bei seinem Auftritt mit Obama am Samstag in Springfield, Illinois, gaben einen Vorgeschmack auf die Dinge, die im Herbst folgen werden.
Natürlich birgt die Nominierung Bidens auch eine Gefahr. Für einen Vizepräsidentschaftskandidaten kommt es vor allem darauf an, intelligent im Halbschatten der Kampagne zu wirken. Biden ist dafür bekannt, dass er ein loses Mundwerk besitzt, das ihm schon an vielen Stellen seiner Karriere zum Verhängnis geworden ist. U.a. kritisierte er Obama während des Vorwahlkampfes ganz offen als zu unerfahren für den Job des Präsidenten.
Die Republikaner zögerten deshalb auch nicht lange und produzierten innerhalb weniger Stunden einen TV-Spot mit Bidens Aussagen:
Mittlerweile hat das McCain-Team nachgelegt. Nun ist es Hillary Clinton, die gegen Obama in Stellung gebracht wird. Implizit erinnert dieser Spot viele weiße, weibliche Wähler daran, wer die eigentliche Kandidatin für das Vize-Amt hätte sein können.
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