Oberflächlich betrachtet mag es eine nette und zivilisierte Debatte zwischen Hillary Clinton und Barack Obama gewesen sein. Es gab keine scharfen Attacken, beide Kandidaten wahrten ihre Contenance. Und doch hatte diese Frage- und Antwortsession das Potential, die Dynamik des Präsidentschaftswahlkampfes nachhaltig zu ändern.
Barack Obama ist spätestens mit dieser Debatte in den Niederungen der Politik angekommen. Wir erinnern uns: Er war angetreten, um Schluss zu machen mit dem Negativwahlkampf, der in den USA bis heute zum Standardprogramm einer jeden Kampagne gehört. Er wollte sich über das Hin und Her von Anschuldigung und Gegenanschuldigung hinwegsetzen mit einer positiven Kampagne, in deren Mittelpunkt seine Meta-Botschaft des Wandels und des Optimismus stand. Was davon übrig geblieben ist, sahen wir gestern bei der Debatte der Demokraten im National Convention Center in Philadelphia, also an jenem Ort, an dem Obama noch vor ein paar Wochen seine eloquente Rede zum Verhältnis zwischen schwarzem und weißem Amerika gehalten hatte.
Obama befand sich nahezu die gesamte Zeit über in der Defensive. Er musste Fragen zu seinen kontroversen Äußerungen über verbitterte Kleinstadtwähler in Pennsylvania beantworten; er fühlte sich erneut genötigt, seine Beziehung zum umstrittenen Pastor Jeremiah Wright zu erklären; er musste sich fragen lassen, warum er keine amerikanische Flagge als Pin an seinem Anzug trägt (kein Scherz!). Das dicke Ende kam jedoch in Form einer Frage der beiden ABC-Moderaten George Stephanopoulos und Charlie Gibson, die wissen wollten, wie es Obama denn halten würde mit einem gewissen Herren Bill Ayers, ein Englisch-Professor aus Chicago, der in den 1960er Jahren Teil der Weather Underground-Gruppe war, die Bombenanschläge auf das Pentagon und andere Regierungsgebäude verübt hatte. Obama gab zu, dass Ayres ein Freund sei, der in seiner Nachbarschaft lebe und mit dem er sich gelegentlich austauschen würde. Clinton, offensichtlich gut vorbereitet, legte nach und erklärte, dass Obama und Ayres zusammen im Beirat des karitativen Woods Fund in Chicagos South Side sitzen würden und dass sich Ayres bisher nicht für seine Attentate in den 1960ern entschuldigt habe.
Das saß. Obama schlingerte, fiel aber nicht. Er entgegnete zu Recht, dass es das Problem der amerikanischen Politik sei, ein Statement oder eine Beziehung zu einer kontroversen Person zu nehmen und sie dann solange durch die Medien zu schleusen, bis sie bei den Wählern als echtes Problem ankommen würden. Ein richtiger und wichtiger Punkt, was sich schon daran zeigte, dass die eigentlichen inhaltlichen Fragen wie Steuern, Irak und Waffenbesitz viel zu kurz kamen in dieser Debatte. Das Lamentieren hilft Obama allerdings nichts. Präsidentschaftswahlen sind keine Programmwettbewerbe, sondern kandidatenzentrierte Auseinandersetzungen, in denen Charakter und persönliche Attribute einen mindestens ebenso hohen Stellenwert einnehmen wie Inhalte. Diese Logik hat Obama ja selbst bisher zu seinem Vorteil genutzt.
Einen Ausschnitt aus der Debatte finden Sie hier:
Eine interessante Randnotiz: Eine Fokusgruppe mit Bürgern aus Pennsylvania zeigte, welch tiefen Eindruck John McCain auf moderate Wähler macht. Nahezu die Hälfte der demokratisch affinen Gruppe konnte sich vorstellen, den Senator aus Arizona zu wählen. Der Hauptgrund: Charakter. Die Republikaner werden sich einmal mehr die Hände gerieben haben gestern Abend. Ein Negativwahlkampf gegen Obama könnte einfacher werden als anfangs von republikanischen Wahlkampfstrategen gedacht.
Hier die Fox News-Fokusgruppendiskussion mit dem Meinungsforscher Frank Luntz:
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