Hier der Artikel, auf den sich der Kommentar bezieht.
Die mediale Aufmerksamkeit hat Hillary Clinton mit dieser Aktion ohne Frage auf sich gezogen. Blogs und Presse füllen sich mit einer kritischen Beurteilung der Song-Auswahl. Allein auf YouTube wurde das Video knapp 550.000-mal gesehen, über 125.000 Menschen gaben bereits ihrem bevorzugten Song die Stimme. Inzwischen hat Hillary Clinton mit einem erneuten Video die finale Runde der Song-Auswahl eingeleitet. Hier nimmt sie auch ihre Kritiker auf ironische Weise aufs Korn und veröffentlicht eine kleine Auswahl an eingesendeten Videos zum Thema. Auf das endgültige Ergebnis dürfen wir jedenfalls gespannt sein. In den nächsten Tagen wird es verkündet.
You Tube revolutioniert die Kampagnenkommunikation, indem es Visualisierung in manche staubtrockene Berichterstattung bringt. Zudem macht es die Unterstützer nicht nur zu passiven „Bystanders“. Vielmehr können sie aktiv einwirken; durch eigene Videomitschnitte oder Ideen. MySpace wird jedoch langfristig das Kommunikationsverhalten von Kampagnen ändern. Es erlaubt die Erschließung personaler Netzwerke. Diese Kommunikation über Meinungsführer – nennen wir sie einmal Navigatoren – lenkt die Botschaften zu den richtigen Empfängern. Kampagnen werden in ihrer Kommunikation dadurch schneller und effizienter. Doch bei allem Internet - TV, Direct Mail und Telefon haben noch lange nicht ausgesorgt.
Es ist im Grunde nicht überraschend: Die beiden Community-Seiten MySpace und YouTube kristallisieren sich in diesem US-Wahlkampf als die zentralen medialen Plattformen heraus. Beide Anbieter kündigten an, sowohl Town Hall Meetings als auch die Debatten der Kandidaten auf dem Weg zu den Primaries live im Web zu übertragen. Die Abwanderung der Zuschauer von TV ins Web dürfte zumindest einen freuen: Medienmogul Rupert Murdoch. Ihm gehören sowohl der Fernsehkanal FOX als auch die Online-Plattform MySpace.
PS: Über den Kampf zwischen YouTube und MySpace berichtete jüngst die Los Angeles Times. Leider ist der dazu gehörige Artikel nicht ohne Registrierung einzusehen. Die Registrierung geht jedoch schnell und ist kostenlos.
Hillary Clintons Kampagne erweist sich bzgl. ihrer Dialogmöglichkeiten als die führende Wahlkampfmaschine. Mit Handyangeboten, dem Video-Internetbasierten Beginn ihrer Kampagne und auch diversen Abstimmungsmöglichkeiten integriert sie die Unterstützer und die potentiellen Wähler. Allerdings bleibt abzuwarten, inwiefern sich diese Aktionen auch in tatsächliche Wählerstimmen transformieren lassen. Schon Howard Dean war sehr erfolgreich in der Online-Kommunikation – er verfehlte jedoch die Unterstützung „auf die Straße“ zu bringen. In dieser Hinsicht scheinen Kandidaten wie Obama, Romney oder Guiliani präziser auf die tatsächliche Aktivierung hinzuarbeiten.
Lange Zeit war das Versenden von SMS eine europäische Domäne – in den USA war das Pager-System viel beliebter, auch weil Nachrichten nur innerhalb desselben Mobilfunknetzes versandt werden konnten. Dieses Hindernis wurde mittlerweile beseitigt und so steigt die Anzahl versendeter Kurznachrichten pro Monat, während die versendeten Pager-Mitteilungen stagnieren, so zumindest Wikipedia. Wen wundert es also, dass die Textnachrichten jetzt auch verstärkt im US-Wahlkampf zum Einsatz kommen. So bietet die Clinton-Kampagne nun einen Nachrichtendienst fürs Handy an, mit dem sich die Unterstützer die wichtigsten News von Hillary abonnieren können. Gleichzeitig wollen die Campaigner aber auch Votings mit Hilfe von SMS einholen.
Obama bekommt Unterstützung aus dem engsten Kreis. Seine Schwester Maya Soetoro-Ng wird Obama fortan im Wahlkampf unterstützen. Inwiefern die 36-Jährige wirklich in den Wahlkampf beratend eingreifen wird, ist unklar. Allerdings könnte sie in Obamas Heimatregion Hawaii mit der nötigen Bodenständigkeit und Authentizität trommeln – sie lebt und arbeitet dort als Geschichtslehrerin.
Unterstützung bekommt Obama auch von einer anderen Frau, die eher für die glamouröse Seite des Lebens steht: Playboy-Chefin Christie Hefner stattete den Senator aus Illinois jüngst mit einem 2.300 Dollar schweren Scheck aus. Bei so viel weiblicher Unterstützung kommt Hillary wohl langsam ins Grübeln.
Böse Menschen haben keine Lieder, gute Kandidaten haben natürlich die schönsten und ergreifendsten Melodien. Hillary Clintons Team will es den Usern von YouTube überlassen, mit welchem Song sie in den Wahlkampf gehen wird. Natürlich gibt es eine kleine Vorauswahl des Kampagnenteams, wäre es doch schließlich fatal, müsste die ehemalige First Lady aufgrund einer schmutzigen Aktion der Gegner mit dramaturgischen Rohrkrepierern wie Becks „Loser“ oder Nelly Furtados „Maneater“ an den Start gehen. Für ordentliche Aufmerksamkeit sorgte der Aufruf unter dem Motto You Choose '08 Spotlight jedenfalls: 60.000 Nutzer gaben ihre Stimme innerhalb der ersten 24 Stunden ab.
Nun mag man freilich sagen, dass man die Wähler über Wichtigeres als einen Kampagnen-Song abstimmen lassen sollte. Aber der Marketingeffekt ist sicher. Auch weil der Spot den nötigen Funken Selbstironie mitbringt: Hillary verspricht nämlich, den Song selbst in der Öffentlichkeit nicht zu singen – was angesichts eingeblendeter Archiv-Aufnahmen der singenden First Lady für alle Beteiligten sicher das Beste ist.
Eine Analyse der Wähler und engagierten Wahlkampf-Bürger im Internet gibt's bei Politico.com unter dem Titel "Politics 2.0: The rise of the netizen". Die Autoren gehen dabei explizit auf den Fall "Joe Anthony" ein. Sie stellen auf die neue Rolle ab, die Poweruser wie Anthony schlagartig bekommen können: "No, by building a dynamic community hub with tens of thousands of members, Joe Anthony became a new kind of player in American politics -- the netizen, or super-empowered citizen."
Wie wichtig ein eigener Auftritt in der Online-Milchbar „MySpace“ für den Wahlerfolg ist, das vermögen auch die Strategen in den War Rooms nicht vorauszusagen. Klar ist: Ohne eine gute Visitenkarte im Netz kommt man als Kandidat bei vielen jüngeren Wählern nicht mehr weit.
Auch die traditionellen Medien beäugen diese Ebene des Wahlkampfs mittlerweile recht ernsthaft. So nimmt sich die Presse derzeit eines äußerst skurrilen Falles an: Dieser handelt von der Auseinandersetzung um den MySpace-Eintrag eines gewissen Joe Anthony. Der 29-jährige Anthony hatte bereits 2004 eine Fanpage für Barack Obama eingetragen und eine Menge Freunde gesammelt. Als Obama Anfang dieses Jahres seine Kandidatur bekannt gab, stieg die Anzahl der Freunde auf dem Profil rasch auf mehr als 30.000.
Als nun MySpace vor zwei Monaten einen zentralen Kanal extra zum Wahlkampf bereitstellte, hatte sich Obamas Team flugs mit Anthony kurz geschlossen und dessen Profil fortan als offizielles für ihren Kandidaten genutzt. Damit alles seine Richtigkeit hatte, wurde aus dem Fan Anthony auch über Nacht ein Offizieller des Online-Teams. Schnell kamen ca. 160.000 Freunde zusammen, beinahe mehr als anderen Kandidaten gemeinsam besitzen. Doch die Liebe dauerte nicht lange. Nun haben sich Anthony und das Obama-Team - aus welchen Gründen auch immer – überworfen. Die Konsequenz für Anthony: MySpace sperrte ihm den Zugang auf seine eigene Seite.
Salomonisch wollten die Plattform-Betreiber den Fall lösen: Obamas Team darf das Profil seines Namens weiter nutzen, Anthony behält seine Fan-Seite, aber unter anderem Namen. Der Geschröpfte Anthony fühlt sich unfair behandelt und fordert nun Entschädigung in Höhe von 39.000 US-Dollar.
Micah Sifry, Mitbegründer von TechPresident.com und Experte für MySpace, beschreibt im Zeitungsinterview ganz gut das Dilemma solcher Aktionen und Deals zwischen Kampagneros und Unterstützern im Netz. "It's a bad situation all around," said Micah Sifry (…). "What we're seeing is this bottom-up, voter-generated effort on behalf of a candidate colliding with the top-down, let's-control-the-message style of campaigning. And it's playing out across the MySpace battlefield."
Auf Obamas Website wird der Streit nun auch ausgiebig erklärt – nachdem viele Blogger darüber berichtet hatten. Nun hat Obama wieder weitaus weniger Freunde auf seiner Seite. Am Donnerstagnachmittag waren es ca. 21.000. Anthony gehörte nicht zu ihnen.
Wesentliche Themen der Diskussion waren – wenig überraschend – der Irak-Krieg und Fragen rund um das Thema Waffenbesitz sowie Abtreibung. Hillary Clinton musste sich erneut ob ihres Abstimmungsverhaltens zum Irak-Krieg 2002 rechtfertigen, während Barack Obama stolz verkünden konnte, von Anfang an Gegner des Krieges gewesen zu sein. John Edwards hingegen setzte auf ein anderes Thema und betonte seinen detaillierten Plan zur Gesundheitsvorsorge.
Insgesamt berichtet die US-Presse einhellig von einem sehr höflichen Gespräch ohne gegenseitige Angriffe der Kandidaten. Eine Niederschrift der Diskussion ist bei der New York Times zu lesen.
Ein nettes Instrument, um den Wahlkampf aus der Vogelperspektive zu betrachten, findet sich auf den Seiten der Washington Post: der Campaign Tracker. Dort kann der Leser verfolgen, welcher Kandidat sich wann am welchem Platz aufhält. Das gleiche Werkzeug wurde hierzulande unter dem Begriff „Wahlkampftourist“im 2005er Bundestagswahlkampf vorgestellt.