Als gestern die Schlagzeilen über John McCains angebliche Beziehung zu der Lobbyistin Vicki Iseman auf den amerikanischen und deutschen Internetseiten auftauchten, fühlte ich mich an die Clinton-Jahre erinnert. Aha, der also auch! Ein Saubermann mit Flecken auf der weißen Weste. Nach der ersten Aufregung und der intensiveren Lektüre des Artikels in der New York Times blieb jedoch nur ein Gefühl zurück: Ernüchterung. Der Beitrag konnte kaum Beweise liefern, weder für einen korrumpierbaren McCain noch für eine Affäre mit der Lobbyistin. Präsentiert wurden Andeutungen, die Fragen aufwerfen sollten über die Person und das Einschätzungsvermögen von John McCain, so die Rechtfertigung der New York Times.
Ein Schuss, der gründlich nach hinten losging. Das Blatt, bereits schwer erschüttert durch die Affäre um Judith Miller und ihre allzu große Nähe zur Macht, musste sich eine Menge Kritik von allen Seiten anhören. Die Geschichte hatte ein erhebliches Geschmäckle! Angeblich besaß die Redaktion die Informationen bereits seit Dezember letzten Jahres. Die Redakteure diskutierten heftig, ob sie den Bericht bringen sollten. Doch sie warteten damit bis die republikanische Vorwahl faktisch entschieden war. Warum? Wollten sie den Kandidaten schützen, den sie noch im Januar mit einem öffentlichen Endorsement ausgestattet hatten? Mitt Romney darf sich berechtigterweise fragen, was ein solcher Artikel mitten im Kampf um Vorwählerstimmen in South Carolina und Florida ausgelöst hätte.
Der Gewinner dieses kurzen Rauschens im Blätterwald ist der Beschuldigte selbst. John McCain sprach sich vehement gegen die Vorwürfe aus. Zu Hilfe kamen ihm die konservativen Medienhelden des Landes, bei denen er noch vor wenigen Tagen auf offene Ablehnung gestoßen war. Die Talk-Radio-Hosts Rush Limbaugh und Laura Ingraham verteidigten McCain gegenüber den Vorwürfen und entluden ihre üblichen Hasstiraden auf das liberale Blatt aus dem liberalen New York. Auch Sean Hannity, einflussreicher Moderator auf Fox News, teilte mit: „It is beyond disgraceful. There´s not, throughout this entire article, a shred of evidence to corroborate or back up what the lead of this entire story is.”
McCain nutzte die Beschuldigungen zudem, um die eigene Kasse zu füllen. In einem Fundraising-Aufruf an seine Unterstützer erbat er Geld, um sich gegen das „liberal establishment“ zu wehren. Der Tipp von Limbaugh, Ingraham und Co. an McCain: Vergiss die Mainstream-Medien! Sende deine Botschaften über konservative Kanäle. Das ist kuschelig und schafft dir die Fragen der nervigen Journalisten vom Hals!
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